Wo an einem verlassenen Ort „verlassene“ Kunst entsteht

„Urban Art“ – so nennt sich die legale Form von Straßenkunst und Graffiti und hat sich längst als eigenständige Kunstform – vorwiegend in den Großstadt-Metropolen – etabliert. Doch auch in der „Provinz“ kann man Urban Art erleben.

Das Cottbuser Urban Art Kollektiv hat sich für seine mittlerweile 18. Ausstellung die Gründer- und Traumfabrik Forst ausgesucht. Zuvor war man u.a. in Warschau, Den Haag, Rom oder Zagreb aktiv. „Wir wollten mit unserer Kunst immer raus in die Welt.“, sagt Robert Posselt, einer der Organisatoren. „Durch die Corona-Pandemie und den damit verbundenen Reise-Beschränkungen war die Welt plötzlich an der Grenze zu Ende.“
Man suchte Ausweichstandorte und wurde in Forst in einer alten Fabrikanlage fündig. Der Tipp kam aus der Szene von Künstlern, die u.a. auch schon beim Forster „Paint the Park Jam“ mitgemacht hatten.

Für die „Urban Art“-Ausstellungsprojekte der Cottbuser Künstlergruppe gibt es thematische Vorgaben. Die Vereinzelung des Menschen, Wegzug oder Flucht, verlassene Fabriken und Gebäude, verlassene Menschen – nicht von ungefähr lautet das diesjährige Thema „Verlassen“. Mehr als 30 Künstler aus der gesamten Republik wurden angesprochen, sich genre-übergreifend an dem Kunstprojekt zu beteiligen. Neben dem vorgegebenen Thema „Verlassen“ war die einzige Bedingung, daß die fertiggestellten Objekte am Ort ihrer Entstehung verbleiben, also auch vom Künstler verlassen werden.

So unterschiedlich wie die Kunstwerke sind auch die Intentionen der Künstler. Es gibt großflächige Wandbemalungen, Rauminstallationen, Abstraktes und Philosophisches.

Ein Künstler, der ein Bild im Außenbereich kreiert hat, hat am unteren Ende des Bildes eine Leiste befestigt und darauf Samenkörner gestreut. Das Bild wird irgendwann vom Regen weggespült und nicht mehr sichtbar sein. Gleichzeitig entsteht mit dem Keimen der Saat etwas Neues.

Die Doppelfabrik Noack/Bergami verdeutlicht sinnbildlich das Thema des Projektes. Das (Arbeits-)Leben, das sich während der Textilproduktion hier entwickelte, existiert nicht mehr. Gleichzeitig entsteht durch die Nachnutzung der Fabrik für Kunst- und Kulturprojekte neues Leben auf dem Gelände.

Oliver Johansen hat sich für seine Bilder Materialien bedient, die er in der Fabrik gefunden hatte. So malte er mit Kohlenstaub aus dem Heizwerk und integrierte herumliegende Stoffreste in seine Bilder. Martin Gnadt ließ sich von einer Halle mit auf dem Boden herumliegenden Spindeln und Fadenresten inspirieren und übertrug den ihm gebotenen Anblick auf die umliegenden Raumwände.

Malerei mit Heizkohle und Fäden
Martin Gnadt bei der Vorbereitung eines neuen Bildes
Rauminstallation von „Twist der Tatortreiniger“

„Zwist der Tatortreiniger“ ließ sich von den leerstehenden Büros, die zu DDR-Zeiten von den MfS-Verbindungsoffizieren genutzt wurden, für eine Rauminstallation inspirieren und gibt dem Betrachter gleichzeitig ein Suchrätsel auf. An der Wand hängt ein Stadtplan von Forst, von dem Verweise zu vielen Orten im Stadtgebiet abgehen. Von jedem dieser Orte gibt es ein Foto, darauf ein Buchstabe als Graffiti. Setzt man die Buchstaben richtig zusammen, ergeben sich bestimmte Worte.

Auf jeder Etage der ehemaligen Bergami-Fabrik finden sich mehrere Kunstwerke – mal unscheinbar und erst auf den zweiten oder dritten Blick als solches erkennbar, mal überdimensional und einschüchternd.

Auch der Cottbuser Robert Posselt, der mittlerweile in München lebt, hat sich mit mehreren Werken in die Ausstellung eingebracht. „Ein Wasserschaden hatte mal eines meiner gezeichneten Kunstwerke zerstört, was mich sehr traurig macht. Die Vorlage zu diesem Kunstwerk habe ich nun in ein neues Bild integriert. Und so wie das Original in meinem Herzen für immer gesichert ist, soll die Vorlage in einem Tresor – wenn auch nur gemalt – gesichert werden.“

Robert Posselt vor seinem Kunstwerk „Ein Schatz hat mich verlassen“

Die während der einwöchigen Kunstaktion entstandenen Bilder verbleiben nun auf dem Fabrikgelände – dem Verfall, der Witterung und dem nagenden Zahn der Zeit überlassen. Am 4. Dezember 2021 ab 12:00 Uhr besteht die nächste Möglichkeit, sich die kleine Kunstausstellung in der Gründer- und Traumfabrik in der Forster Planckstraße anzuschauen

Über Thori 125 Artikel
Blauäugiger freiberuflicher Dichter und Denker, Jahrgang 67, Kreativling, Kulturschaffender, Fotograf, Filmperlentaucher und Pfützenländer, Fleischesser und Milchtrinker; wurde als Kind mehrmals geimpft, ohne jemals daran gestorben zu sein; mehrfacher Träger der roten Mai-Nelke und Teilnehmer am Betriebskantinenessen

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