Die Legende der „Weißen Frau“ im Schloß

Die Biebersteiner prägten als Standesherren über mehrere Jahrhunderte die Geschicke der Stadt Forst. Eine der geschichtlich interessantesten Personen aus dem Geschlecht derer von Bieberstein ist Eva von Bieberstein. Sie führte Ende des 16. Jahrhunderts ein Luxusleben im Jahn’schen Bieberstein-Schloß, gab Geld für prunkvolle Feste aus, war eine begehrenswerte Frau und miserable Mutter. Eva heiratete ihren Vetter Abraham, der als Brudermörder in die Geschichte einging. Das Leben am Hofe, die Zwistigkeiten und Intrigen innerhalb der Familie und die Missetaten der Biebersteiner sorgten letztendlich dafür, daß die Biebersteiner auch Eingang in den späteren Volksglauben gefunden haben und für unerklärliche Dinge verantwortlich gemacht wurden. Wie so oft bei der Entstehung von Legenden und Mythen ist zwischen Irrglaube und Realität nur ein schmaler Grat.

In alten Aufzeichnungen über Forst findet man häufig die „Sage von der weißen Frau“. Eine nicht unwesentliche Rolle spielen dabei eben jene Mitglieder des Bieberstein-Geschlechts und deren Besitzungen. So schreibt die Autorin und Heimatforscherin Margarete Gebhardt (1870 – 1945) in einem von ihr herausgegebenen Heftchen mit dem Titel „Sagen und Geschichten aus der Lausitz“ folgendes: „In Forst aber erzählt man sich, daß im Melchiorschen Schlosse und im Puchnerschen Hause sich die weiße Frau zeige.“ Andere Quellen verorten die Sage ins Jahn’sche Schloss. Auch das dritte Forster Schloss der Bieberstein-Dynastie, Balzers (Balthasars) Schloss, besser bekannt als Kornhaus, dient zur Legendenbildung.

Die Sage berichtet von einer schönen, vergnügungssüchtigen Gräfin, die im alten Schloss lebte. Sie war hartherzig und ihrem Kind gegenüber lieblos. Weil das Kind den Unternehmungen der Mutter im Wege stand, wurde sie so zornig über das Kind, daß sie es umbrachte und an einem Fensterkreuz aufhängte. Das frische Blut tropfte auf das Mauerwerk und ließ sich fortan nicht mehr wegwischen. Auch später, als man das Mauerwerk erneuerte, sollen die Flecken immer wieder erschienen sein. Um Mitternacht hörte man das Wimmern eines Kindes und unter den Dielen ein ängstliches Kratzen. Man öffnete die Dielen, konnte jedoch nichts Verdächtiges finden. Die böse Gräfin fand wegen des Kindesmords später keine Ruhe im Grabe und ging als weiße Frau mit Schlüsselbund und Schnabelschuhen umher. Wen sie erblickte, den bat sie flehend, sie von den Qualen des bösen Gewissens zu erlösen.

„Das alte Schloß vor dem Brande 1839“ auf einer alten Zeichnung. Quelle: Sammlung Frank Henschel

Ist Eva von Bieberstein die „weiße Frau“? Oder eine ihrer Töchter, deren Seelen angesichts ihrer Schicksale keine Ruhe finden? Und welches der Bieberstein-Schlösser ist tatsächlich der sagenhafte Ort?

Eva von Bieberstein habe schöne Hände gehabt und jeden Tag ein Bad genommen, schreibt der Chronist Magnus. Ihre Töchter wurden gleich nach der Geburt den Ammen übergeben. Eva kümmerte sich nicht um ihre Kinder, so daß diese „ohne Aufsicht und Zucht aufgewachsen und die beiden letzten ganz übel geraten sind.“

Eleonore von Bieberstein, Evas zweite Tochter, heiratete in zweiter Ehe einen Landkutscher zu Dresden, der sich eine schöne Mitgift erhoffte. Als er die nicht bekam, „hat er sie alle Tage arg gemißhandelt. Als sie es nicht länger ausstehen konnte, ist sie 1656 nach Forst gekommen, und, damit sie nicht zum Spott herumgehen möchte, eingezogen und in der alten Puchnern Hause heimlich unterhalten worden.“, weiß Hermann Standke in seiner „Heimatkunde der Niederlausitz“ von 1922 zu berichten. Bis zu ihrem Tode lebte Eleonore hier wie eine Gefangene.

Auch Margareta, Evas jüngste Tochter, erlitt Schiffbruch im Leben: „Welcher Skandal damals, als es offenbar wurde, daß sie ein Kind von einem Hofmeister gebären sollte! Man hatte sie daraufhin weit von Forst untergebracht, aber auch sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, nach Forsta zurückzukehren. Sie entfloh aus ihrem Verbannungsort. Aber sie hatte die Rechnung ohne ihre Eltern gemacht: hier in Forsta, wohin es sie mit aller Macht gezogen hatte, erwartete sie ein weit schlimmeres Exil, hinter dem Melchiorschen Schlosse sitzt sie jetzt eingekerkert und hat Zeit, über ihr Leben nachzudenken, bis der Tod sie aus den Kerkermauern erlösen wird.“ schreibt Wolfgang Krebs 1956 im „Heimatkalender für den Kreis Forst Lausitz“.

Das Alte Amt, ehemaliges Schloß von Melchior von Bieberstein, auf einer Postkarte. Quelle: Sammlung Frank Henschel

Folgt man den Überlieferungen, kommt jede der drei Frauen als „weiße Frau“ in Frage. Eva wohnte im Jahn’schen Schloß (das befand sich in der heutigen Kirchstraße), Margareta war im eingangs erwähnten Melchior’schen Schloß eingesperrt (heutiges Altes Amt) und Eleonore im Hause des Superintendenten Puchner (die Suptur befand sich vermutlich im Bereich heutiger Friedrichplatz / Thumstraße).

Die beiden von ihrer Familie eingesperrten Schwestern Eleonore und Margareta könnten wiederum auch Vorlage gewesen sein für die Sage von der eingemauerten Nonne.
Die Nonnen des Gubener Klosters unter Führung der Äbtissin Beate von Wilschwitz flohen 1432 vor den anrückenden Hussiten nach Forst und kamen im Balzer’schen Schloss, dem späteren Kornhaus, unter. Hier befand sich auch das städtische Gefängnis. Hofkaplan Bodo von Krippen fand Gefallen an einer jungen Nonne und wollte sie seinem Willen untertan machen. Als es ihm nicht gelang, ließ er die Nonne auf Grund falscher Beschuldigungen in den Hungerturm werfen und bis zum Kopf einmauern. Der Schloßherr war verreist, so daß das Verbrechen geschehen konnte. Erlöst wurde die Gefangene von vorbeiziehenden Reitern, die von der Freveltat hörten.

Ob die eingemauerte Nonne nur als Symbol für die hinter Mauern darbenden Schwestern diente und ob die weiße Frau noch immer durch die Gänge des Melchiorschen Schlosses geistert – wer weiß. Für ein gruseliges Kapitel Forster Heimatgeschichte reicht es allemal.

Über Thori 115 Artikel
Blauäugiger freiberuflicher Dichter und Denker, Jahrgang 67, Kreativling, Kulturschaffender, Fotograf, Filmperlentaucher und Pfützenländer, Fleischesser und Milchtrinker; wurde als Kind mehrmals geimpft, ohne jemals daran gestorben zu sein; mehrfacher Träger der roten Mai-Nelke und Teilnehmer am Betriebskantinenessen

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