Geschichten einer „sagenhaften Gegend“

„Als wir Anfang des Jahres die Themen für unsere Stammtische besprachen und der Vorschlag kam, mal die Forster Sagenwelt zu beleuchten, war ich anfangs sehr skeptisch!“, verriet Frank Henschel vom Forster Museumsverein zur Eröffnung des 69. Geschichtsstammtisches. „Scheinbar haben wir einen Nerv getroffen angesichts Ihres Interesses!“ Rund 70 Geschichtsinteressierte wollten am letzten November-Donnerstag in der Schauwerkstatt des Brandenburgischen Textilmuseums eintauchen in die Welt der Lausitzer Mythen und Legenden. Der Andrang überraschte die Veranstalter, eiligst wurden noch weitere Sitzgelegenheiten herangeschafft.

Michaela Zuber eröffnete den Abend und brachte „Die Legende der Eva von Bieberstein“ zu Gehör.
Die Biebersteiner prägten als Standesherren über mehrere Jahrhunderte die Geschicke der Stadt Forst. Eva von Bieberstein führte Ende des 16. Jahrhunderts ein Luxusleben im Bieberstein-Schloß. Sie gab Geld für prunkvolle Feste aus, war eine begehrenswerte Frau und miserable Mutter. Ihre Cousins Ernst und Abraham von Bieberstein buhlten um die schöne Eva. Im Streit um Eva erstach Abraham seinen Bruder und nahm Eva zur Frau.

Erschienen ist die Erzählung 1956 im Heimatkalender für den Kreis Forst Lausitz, ein Vorgänger des Forster Jahrbuches. Wolfgang Krebs hatte damals die Geschichte veröffentlicht. Weitaus bekannter als Autorin ist Margarete Gebhardt (1870 – 1945). Die in Crossen geborene Lehrerin, Schriftstellerin und Heimatforscherin veröffentlichte in kleinen Heftchen „Sagen und Geschichten aus der Lausitz“. Mit Lausitz war jedoch vielmehr der Altkreis Sorau gemeint, zu dem damals Forst gehörte. Diese Hefte waren meist 30-40 Seiten stark und illustriert. „Es waren quasi die Mosaikhefte der 20er Jahre“, sagte Andreas Peter. Der Gubener Verleger vom Niederlausitzer Verlag und in der Nachbarstadt als „Stadtwächter“ bekannt, stellte die Sorauer Autorin und ihr Schaffen vor. Gebhardts Erzählungen spiegelten „einen volkstümlichem Zugang zur eigenen Geschichte“ wieder.
Ebenfalls der Lausitzer Sagenwelt widmete sich Karl Gander (1845 – 1945). Der Gubener Ortschronist hörte sich im Volke um und lies sich die typischen Gute-Nacht-Geschichten der Vorfahren erzählen, welche er dann aufschrieb. Kostproben der Aufzeichnungen Ganders gab Andreas Peter ebenfalls zu Gehör und berichtete u.a. von den „Bademüttern“, die bei der Geburt eines Kindes deren Zukunft voraussagten, oder vom Ritter Nickel von Rothe, der in der Gegend des heutigen Gutes Neu Sacro sein Unwesen trieb.

Andreas Peter stellt einige der Autoren vor

Doch nicht nur in der Vergangenheit entwickelten sich Sagen und Legenden. Andreas Peter verwies auf zwei „Legenden“ der heutigen Zeit. In Guben erlebt „Piepsi“, die Kirchenmaus, allerlei Abenteuer. Und in Forst lernen gerade die beiden „Bademeusel“ Paulina und Carlo etwas über die Geschichte der Region kennen.

Auch der Forster Filmemacher Frank Junge wagte den Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Er setzte zwei Sagen aus der näheren Umgebung filmisch um. Zur Erzählung „Der Tag von Pförten“, die die Plünderung des Brühl’schen Schlosses in Pförten durch preußische Soldaten schildert, verknüpfte er historische Aufnahmen des Schlosses und der Stadt Pförten mit aktuellem Bildmaterial.
Woher die drei Ritterskulpturen am Klinger Torbogen stammen und warum es in Groß Schacksdorf auch drei solcher Skulpturen gibt, erklärte Frank Junge in einem zweiten Film.

Die Region der Niederlausitz ist reich an Legenden und Sagen. „Es ist eine sagenhafte Gegend!“, stellt Frank Henschel fest. Einige dieser sagenhaften Orte existieren sogar heute noch und können besichtigt werden, so u.a. der „Teufelstein“ in Kamienica (Kemnitz) oder der „Galgenberg“ in Trzebiel (Triebel). Selbst in Zary (Sorau) sind viele Sagen noch immer im Stadtzentrum präsent.

Über Thori 50 Artikel
Blauäugiger freiberuflicher Dichter und Denker, Jahrgang 67, Kreativling, Kulturschaffender, Fotograf, Filmperlentaucher und Pfützenländer, Fleischesser und Milchtrinker; wurde als Kind mehrmals geimpft, ohne jemals daran gestorben zu sein; mehrfacher Träger der roten Mai-Nelke und Teilnehmer am Betriebskantinenessen

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